“Anspruchsdenken” nennt Jeff Jarvis die Haltung, die Paid Content durchsetzen will. Und fügt hinzu, Verknappung sei keine erfolgversprechende ökonomische Strategie im Netz, in dem jeder nicht nur read- sondern auch write-Rechte besitze. Solange die Fähigkeit zu publizieren hier nicht monopolisiert werden kann, wird sich dieses Anspruchsdenken nicht durchsetzen. Solange es im Netz Autoren gibt, die Produktions-, Marketings- und Vertriebsmittel in ihren eigenen Händen halten, kann jeder Nutzer vergleichen. Zwischen dem, was die Suchmaschinen einfach so ausspucken, und den Angeboten der Medienkonzerne, die von der Restauration ihrer analogen Vergangenheit träumen. Vielleicht können sich Konzerne, die ihren Erfolg Rotations-Druckmaschinen verdanken, nicht von einem auf exklusivem Besitz beruhenden Selbstverständnis lösen. Für Rupert Murdoch könnte das schlecht ausgehen.
Dieser Tage liest man: Stefan Raab hilft der ARD beim Eurovision Song Contest und: “… seit Samstagabend gehört auch das ZDF zu den offiziellen ProSieben-Unterstützern …”, auch das im Spiegel. Wie beim ZDF die Cross-Promotion ablief, konnten Fernsehzuschauer am Samstagabend bei Thomas Gottschalks “Wetten, dass ..?” (ZDF) am Bildschirm miterleben. “Spontanbewerberinnen” für “Germany’s Next Topmodel” (ProSieben) wurden während der ZDF-Sendung in die Halle in Friedrichshafen bestellt, um sich dort von Heidi Klum für ihre Sendung casten zu lassen. Und natürlich haben wir Charlotte Roches kurzes Gastspiel bei Radio Bremen noch nicht vergessen.
Das sieht schon fast wie ein Trend aus. Für den der Spiegel erneut deutliche Worte findet. Nachzulesen ist dort, dass sich “ARD und ZDF an die Stars aus dem Privatfernsehen heranwanzen, während hinter den Kulissen ein erbitterter Krieg zwischen den beiden Sendersystemen ausgetragen wird”. Auch die Süddeutsche fackelt nicht: “Es galt zu klären, ob es das ZDF doch noch schaffen könnte, der ARD den zweifelhaften Rang abzulaufen, sich als erster öffentlich-rechtlicher Sender selbst kampflos einem Privatsender auszuliefern.”
Man könnte dazu sagen, dass von verschiedenen Gärtnern an verschiedenen Stellen der Versuch unternommen wird, auf den öffentlich-rechtlichen Obstbaum junge Zweige aufzupfropfen. Mit dem Ziel, sich mit dem neuen Obst jüngeren Verbrauchern zum Verzehr zu empfehlen.
Eigentlich sollte es umgekehrt sein: Experimentierfreude und Innovationsfähigkeit sind Verpflichtungen, die sich aus dem öffentlich-rechtlichen Sendeauftrag ergeben. Wenn die Privaten bei ARD oder ZDF die eine oder andere Idee klauen, dürfen wir die Stirn runzeln, würden in diesem Vorgang aber zu Recht die Legitimation des gebührenfinanzierten Systems erkennen.
Abgesehen von solchen Gundsätzlichkeiten: Dass sich ARD oder ZDF Charlotte Roche, Heidi Klum oder Stefan Raab so ohne weiteres einverleiben können, mag man kaum glauben. Wie groß die Distanz zwischen Raab, trotz Kooperation, und seinem öffentlich-rechtlichen Partner ist und sicher auch bleiben wird, bringt er ohne Mühe in seiner Pressekonferenz zum Ausdruck.
Heute hat der Papst in einer Botschaft unter Berufung auf den Apostel Paulus die katholische Priesterschaft aufgefordert, im “Dienst für das Wort und des Wortes” stärkeren Gebrauch von den Möglichkeiten des Internets zu machen. Benedikt geht es dabei ausdrücklich um die Verkündigung und Verbreitung des Evangeliums.
In seiner Botschaft kann man ein Indiz für eine gewisse Beunruhigung sehen. Offenbar fürchtet der Vatikan, den Anschluss an lebenswichtige mediale Entwicklungen zu verpassen.
Wenn nun diese Furcht berechtigt wäre und tatsächlich die Gefahr bestünde, dass ohne Internet immer weniger Menschen die Verkündigung des Evangeliums erreicht, wäre dies gewiss schlecht für die Kirche. Mich würde in diesem Zusammenhang allerdings eher die Frage interessieren, ob diese Entwicklung möglicherweise auch schlecht für Gott ist. Vielleicht könnten dazu berufene Theologen diese Frage beantworten? Ich fürchte, dass sich grundsätzlich alle kirchlichen Anstrengungen im Bereich des Marketings und der Kommunikation aus den Briefen des Apostel Paulus rechtfertigen lassen, bleibe aber dennoch dabei, dass ein allmächtiger Gott durch die Abnahme der Zahl seiner Anhänger keinen Schaden nehmen kann.
Ganz abgesehen davon: Eine Sichtung einschlägiger Blogs hinterlässt den Eindruck, dass die katholische Priesterschaft durchaus eines gewissen Ansporns bedarf.
Bei der Lektüre der päpstlichen Botschaft habe ich durch Zufall in Erfahrung bringen können, dass der heilige Franz von Sales der Schutzpatron der Gehörlosen ist. Und der Medienschaffenden. Ausgerechnet.
Der Verlag Axel Springer öffnete am 16. Januar ein Internetarchiv mit 5900 Artikeln aus der Zeit von 1966 bis 1968. Nachvollziehbar ist nun für jedermann, der sich in die Springer-Datenbank einloggt, wie “Bild”, “Welt” und andere Zeitungen des Hauses seinerzeit über die 68er-Bewegung berichtet haben. Bereits im vergangenen Jahr war dieser Öffnung des Archivs eine Diskussion zwischen Springer-Verlag und den Protagonisten der Revolte vorausgangen. Keiner der früheren Revolutionäre mochte sich an einem 2. Springertribunal beteiligen, das Springer-Vorstand Matthias Döpfner gern veranstaltet hätte.
Der Blick ins Archiv zeigt nun: Nur in zwei Ausgaben von Springer-Titeln wird Dutschke als “Volksfeind” bezeichnet, in beiden Fällen handelt es sich jedoch nicht um originären Springer-Text, sondern Zitate, die ordnungsgemäß als solche kenntlich gemacht wurden. Also alles halb so wild. Selbst kritische Beobachter der Bild-Zeitung wie Stefan Niggemeier bezeugen: “Es spricht alles dafür: “Bild” und die anderen Springer-Zeitungen haben Rudi Dutschke nie selbst als Staats- oder Volksfeind Nummer 1 bezeichnet.” Es kann aber, so Niggemeier weiter, kein Zweifel bestehen, das Dutschke dennoch, also auch wenn er nie so bezeichnet wurde, wie der Staatsfeind Nr. 1 behandelt wurde.
Nachvollziehbar ist, dass weder Peter Schneider noch Daniel Cohn-Bendit an der von Springer-Vorstand Matthias Döpfner formulierten Absicht, die “These, das Haus Axel Springer sei eine zentral gelenkte Meinungsmaschine gewesen …” zu widerlegen, mitwirken wollten. Trotzdem haftet an der Absage etwas Zwiespältiges. Auf mich wirkt sie wie ein weiterer Beitrag zur Dämonisierung der Springer-Medien.
Am Rande fällt eine merkwürdige Wandlung auf: In B.Z. und Welt wird der Begriff “Volksfeind” gebraucht. In späteren Quellen, die Stefan Niggemeier anführt, ist aus dem “Volksfeind Nr. 1″ ein “Staatsfeind Nr.1″ geworden. Ich bin mir nicht sicher und finde im Moment auch keine Belege, aber mir kommt es so vor, als ob “Volksfeind” ein Begriff aus dem Arsenal der Nazis ist? Wenn dies zutrifft, fehlte 1968 auf der einen Seite offenbar das Wissen um seine Herkunft, und zugleich führte auf der anderen Seite die Bezugnahme der Revolte auf den Staat als Gegenüber zu seiner Ersetzung.
Okay, immer mehr Menschen informieren sich vor einer Kaufentscheidung im Internet über das Objekt ihrer Begierde. Was nun europaweit die Objekte sind, auf die sich das netzgestützte Informationsbegehren bezieht, muss man eigentlich gar nicht erst in der TNS Studie “Kaufentscheidung: Überzeugungskraft kommt aus dem Internet” (Quelle hier) nachlesen. Ist doch klar, es sind Bücher, CDs, DVDs, Unterhaltungselektronik und Reisen. Interessant ist allerdings, dass sich nur Briten und Deutsche im Netz über Mode informieren.
Die TNS-Studie liefert auch eine Typologie der Suchstrategien. Und? Man spürt ein kleines bisschen, dass es die Autoren drängte, neben modernen Performern, Dinks, early Adopters, Lohas und dem anderen heißen Scheiß mal was ganz Neues auszuprobieren. Hier nun, nur weil’s so schön klingt, die komplette Typologie: “Interactive Power Research”, “E-Commerce Oriented Informations Focus”, “Economical Exploring”, “Rational Offline Oriented Research” und “Low Involvement Research”.
Ich fürchte, wir Deutschen haben uns gleich doppelt blamiert: Als echte Topchecker erledigen wir das Thema Mode wahrscheinlich nur im Interactive Power Research-Modus. Das macht uns keiner nach.
Das US-Unternehmen Skiff hat sein Produkt Skiff Reader vorgestellt: Es handelt sich um einen bereits recht flexiblen ePaper-Reader für elektronische Zeitungen und Magazine. Hersteller des Displays: LG Display, wo Sie sich gleich mal auch das anschauen können. Sieht so aus, als ob wir alle irgendwann wieder im Café sitzen und Zeitung lesen.
Vor zwei bis drei Jahren gab es noch eine Menge Leute in der Buchbranche, die, wenn es zu einer Diskussion über die fortschreitende Digitalisierung des Buchmarktes kam, abwinkten und sagten, “ich kann doch meinen Monitor nicht mit ins Bett nehmen”. Das war damals schon sachlich falsch bzw. es war vorhersehbar, dass es in nicht allzu ferner Zukunft falsch sein würde. Vielleicht werden wir tatsächlich nie wieder im Café sitzen, um die Zeitung zu lesen, aber … wir können unseren Monitor mit ins Bett nehmen. In diesem Zusammenhang sollte man vielleicht noch mal einen Blick auf das da werfen. Möglich, das Manchem sein Geschwätz von gestern heute doch ein bisschen peinlich sein könnte. Wahrscheinlich müsste man nur etwas mehr Zeit in die Suche nach solchen Äußerungen investieren und würde sie massenhaft finden. Das Netz hat eben ein gutes Gedächtnis.