Henne oder Ei
Der Verlag Axel Springer öffnete am 16. Januar ein Internetarchiv mit 5900 Artikeln aus der Zeit von 1966 bis 1968. Nachvollziehbar ist nun für jedermann, der sich in die Springer-Datenbank einloggt, wie “Bild”, “Welt” und andere Zeitungen des Hauses seinerzeit über die 68er-Bewegung berichtet haben. Bereits im vergangenen Jahr war dieser Öffnung des Archivs eine Diskussion zwischen Springer-Verlag und den Protagonisten der Revolte vorausgangen. Keiner der früheren Revolutionäre mochte sich an einem 2. Springertribunal beteiligen, das Springer-Vorstand Matthias Döpfner gern veranstaltet hätte.
Der Blick ins Archiv zeigt nun: Nur in zwei Ausgaben von Springer-Titeln wird Dutschke als “Volksfeind” bezeichnet, in beiden Fällen handelt es sich jedoch nicht um originären Springer-Text, sondern Zitate, die ordnungsgemäß als solche kenntlich gemacht wurden. Also alles halb so wild. Selbst kritische Beobachter der Bild-Zeitung wie Stefan Niggemeier bezeugen: “Es spricht alles dafür: “Bild” und die anderen Springer-Zeitungen haben Rudi Dutschke nie selbst als Staats- oder Volksfeind Nummer 1 bezeichnet.” Es kann aber, so Niggemeier weiter, kein Zweifel bestehen, das Dutschke dennoch, also auch wenn er nie so bezeichnet wurde, wie der Staatsfeind Nr. 1 behandelt wurde.
Nachvollziehbar ist, dass weder Peter Schneider noch Daniel Cohn-Bendit an der von Springer-Vorstand Matthias Döpfner formulierten Absicht, die “These, das Haus Axel Springer sei eine zentral gelenkte Meinungsmaschine gewesen …” zu widerlegen, mitwirken wollten. Trotzdem haftet an der Absage etwas Zwiespältiges. Auf mich wirkt sie wie ein weiterer Beitrag zur Dämonisierung der Springer-Medien.
Am Rande fällt eine merkwürdige Wandlung auf: In B.Z. und Welt wird der Begriff “Volksfeind” gebraucht. In späteren Quellen, die Stefan Niggemeier anführt, ist aus dem “Volksfeind Nr. 1″ ein “Staatsfeind Nr.1″ geworden. Ich bin mir nicht sicher und finde im Moment auch keine Belege, aber mir kommt es so vor, als ob “Volksfeind” ein Begriff aus dem Arsenal der Nazis ist? Wenn dies zutrifft, fehlte 1968 auf der einen Seite offenbar das Wissen um seine Herkunft, und zugleich führte auf der anderen Seite die Bezugnahme der Revolte auf den Staat als Gegenüber zu seiner Ersetzung.


