Vielleicht ist es ja sogar falsch, im Hinblick auf Facebook-User, die private Informationen über sich im Netz verteilen, von Öffentlichkeit zu sprechen. Zu diesem Schluss muss man eigentlich gelangen, wenn man den Begriff so nimmt, wie er von Habermas definiert wurde. Auch wenn Facebook immer noch eine “publizistisch bestimmte Öffentlichkeit” ist, die erst durch ein Publikum entsteht, deckt sich die Habermassche Definition nur unvollkommen mit den dort entstehenden Sachverhalten.
Das gilt ganz besonders dann, wenn der von Christian Stöcker beispielhaft herangezogene googelnde Personalchef von Informationen Gebrauch macht, die eigentlich nicht für ihn bestimmt sind. Schließlich beruht Öffentlichkeit bei Habermas auf einem Konsens zwischen dem, der sich äußert, und dem, der diese Äußerung wahrnimmt. Bei Facebook hingegen zählt die Übereinkunft der Beteiligten nicht zu den konstituierenden Bausteinen. In diesem Sinne verstehe ich Christian Stöckers Forderung einer “neuen Öffentlichkeit”. Folgerichtig bedarf sie einer neuen Moral.
Man kann an der These, dass diese Öffentlichkeit neu ist, auch dann festhalten, wenn man sich daran erinnert, dass es immer schon eine nicht intendierte Öffentlichkeit gegeben hat, allerdings exklusiv für Politiker, Prozessbeteiligte oder Größen des Showbusiness. Personen der Zeitgeschichte, so sagt es das Gesetz, müssen Einschränkungen der Privatsphäre in Kauf nehmen. Im Grunde kann jede ihrer Lebensäußerungen, ihr Sterben eingeschlossen, von öffentlichem Interesse sein. Bei Menschen, die es so weit nicht gebracht haben, ist das anders: Eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte droht diesem Personenkreis immer dann akut, wenn irgendeine Art von Grenzüberschreitung, ein Misslingen bei der Einhaltung irgendeiner generischen Norm aufgezeichnet und hochgeladen wird.
In dieser neuen Öffentlichkeit ist nicht nur zu fürchten, dass ein Appell an die Moral wirkungslos bleiben wird. Vielmehr ist es denkbar, dass sich unser Verhalten ändern wird, allerdings nicht im Netz, sondern im wirklichen Leben. Es gibt kaum noch einen öffentlichen Ort, an dem es keine Kameras gibt. Womit nicht die zahlreichen Überwachungskameras gemeint sind. Im Gegenteil: Die Allgegenwärtigkeit privater Kameras könnte dazu führen, dass unsere Unbefangenheit auf der Strecke bleibt, weil wir nichts ohne die Furcht tun können, mit diesem Tun, egal ob es öffentlich oder privat ist, besonders wenn es im obigen Sinne misslungen ist, im Netz zu landen. Wir müssen uns also in Acht nehmen. Der Erfindungsreichtum der Anbieter kennt keine Grenzen. Eine Variante, bei der die Anonymität der Gezeigten noch relativ weitgehend gewahrt wird, sind hochgeladene Videos, die sich mit dem Themen wie “Typisch Frau!” oder “Wenn Frauen einparken” befassen. Eine andere sind Websites, die dazu einladen, intime Bilder früherer Freundinnen einzustellen, mit dem ausdrücklich erklärten Ziel, sich an der Verflossenen zu rächen.
Hier zeigt sich leider, dass die Konfrontation zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nur einer der möglichen Frontverläufe ist. Darüber hinaus entwickelt sich im Netz offenbar eine große Zahl weiterer neuer Öffentlichkeiten, deren Interaktion und Dynamik bislang nur wenig Raum in unseren Überlegungen hat.