Ende einer Legende
Hatten wir die Frage nach der Henne und dem Ei schon mal? Ja, hatten wir. Und zwar hier. Es ging in diesem Blogpost um die Öffnung der Springer-Archivs, durch die nachvollziehbar wird, wie die Zeitungen des Springer-Konzerns seinerzeit über die sogenannte 68er-Revolte berichteten. Von besonderem Belang ist die Öffnung des Archivs im Hinblick auf die Verantwortung für das Attentat an Rudi Dutschke, die viele der Zeitgenossen bei Bild und BZ sahen. Dass die außerparlamentarische Opposition die Springerblätter als geistige Anstifter sah, was zum Versuch einer Blockade des Verlages führte, stützte sich auf die Marktmacht des Verlagshauses und seine antikommunistische Haltung im allgemeinen und konkret auf den Vorwurf, Dutschke sei zum “Volksfeind” erklärt worden. Damit sei der Boden für die Gewalttat Josef Bachmanns bereitet worden.
Es hat sich, dank Archivöffnung, nun herausgestellt, dass Dutschke von den Springermedien weder zum Volks- noch zum Staatsfeind erklärt worden war. Leider etwas spät, wie ich meine, denn der Generalverdacht der Manipulation der Massen durch die Medien, der Volksverdummung, des Klassenkampfes usw. stützte sich auch auf die angebliche Stigmatisierung Dutschkes. Aus der ein wichtiges Glied der Kette wurde, die beweisen sollte, dass nicht die Kaufentscheidung des Lesers, sondern seine Manipulation die Seinsgrundlage der Bildzeitung, wenn nicht gar der gesamten”bürgerlichen Presse” war. Diese Hypothese prägt bis heute das Bild, dass wir von Zeitungsverlegern und ihren Konzernen haben. In den volkswirtschaftlichen Kontext übertragen ist unsere Medienlandschaft demnach ein Anbietermarkt.
Nun zeigt sich, ausgerechnet in der Blogosphäre, dass vielleicht doch alles ganz anders ist und der Leser weitaus mehr Verantwortung trägt, als man bisher glauben mochte. Ein von der Nachfrage bestimmter Markt also. Natürlich kann man auch von “Überkapazitäten” sprechen. Und Robin Meyer-Lucht schreibt:
“Vielmehr zieht eine ganz kleine Anzahl an Blogs die meiste Aufmerksamkeit auf sich, während die allermeisten Blogs kaum oder gar nicht gelesen werden. Wir haben es also auch bei den Blogs – obwohl hier keine großen kommerziellen Medienunternehmen dahinterstehen – mit einer geradezu unglaublichen Medienkonzentration zu tun, in der ganz wenige angeben, was wie online gesellschaftlich diskutiert wird.”
Die Blogs funktionieren demnach, was die Leseraufmerksamkeit betrifft, genauso wie Printmedien. Ohne verdeckte Strategien. Das ist, was die Hypothese von der systembedingten Manipulation betrifft, vielleicht für Manchen enttäuschend, stellt aber die Souveränität des Lesers wieder her. Vielleicht ist er ja doch kein Volltrottel.


