Volkswirtschaftliche Bildung
Vermutlich bin ich nicht der einzige Mensch, dem es schwer fällt, dem Ablauf der griechischen Tragödie, die im Augenblick in den Medien gegeben wird, zu folgen. Auch wenn ich mich intensiv bemühe, zu verstehen, was vor sich geht, stoße ich, dank ausgesprochen bescheidener volkswirtschaftlicher Bildung, sehr schnell an meine Grenzen.
Auch kaufmännisches Wissen, ja nicht einmal kaufmännische Erfahrung, die das berufliche Leben so mit sich bringt, hilft hier weiter. Denn was für die Mikroökonomie gilt, ist nicht ohne weiteres auf die Makroökonomie übertragbar. So hat man es mir beigebracht. Wachstum, so hieß es einmal, sei eine für jede funktionierende Volkswirtschaft unabdingbare Voraussetzung. Als ich dem entgegenhielt, dass diese apodiktische Weisheit wohl kaum auf den Bäcker an meiner Ecke zutreffen könne, denn dann müsse dieser heute 10, morgen 20 und übermorgen 30 Brötchen verkaufen, um überleben zu können, wusste man diesen Einwurf nicht zu entkräften, bestand aber dennoch auf der Richtigkeit der Wachstumstheorie.
So darf ich davon ausgehen, das es auch einen Unterschied zwischen der Insolvenz eines Staates und, sagen wir mal, der einer Kapitalgesellschaft, zum Beispiel einer GmbH, gibt, geben muss! Denn eine GmbH könnte nicht nur, nein, sie müsste sogar Pleite gehen, wenn hierfür die gesetzlich festgelegten Bedingungen erfüllt wären. Ihre Gläubiger wären dann gezwungen, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten. Würde eine GmbH versuchen, die Insolvenz durch Kreditaufnahme zu verzögern, ohne dass solchem Tun die Aussicht gegenüberstünde, durch ihren Geschäftserfolg alle Schulden tilgen zu können, ginge es um Insolvenzverschleppung, die ein strafbares Delikt ist. Wo genau nun der Unterschied zwischen einer GmbH und dem griechischen Staat besteht, hat mir bis heute noch niemand erklärt.
Gewiss schulden mir weder Handelsblatt noch Financial Times Deutschland Erklärungen dieser Art. Die schulden sie höchstens sich selbst bzw. der gesellschaftlichen Rolle, die sie gern sich selbst zuschreiben. Ganz sicher aber ist, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten dazu da sind, meiner mangelhaften volkswirtschaftlichen Bildung auf die Sprünge zu helfen.
“Das journalistische Versagen ist in einigen Fällen so eklatant, dass es uns ausgeschlossen erscheint, einfach zur Tagesordnung über zu gehen”, schreiben Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz in einer aktuellen Studie, die fünf Tageszeitungen, DPA, Tageschau und Tagesthemen gilt, über den wirtschaftsjournalistischen Umgang mit der aktuellen Finanzmarktkrise. Das mag für die fünf Tageszeitungen und DPA beschämend sein, weil es zeigt, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Für die ARD aber ist es verheerend, weil es bei ihr nicht nur um journalistisches Ethos, sondern auch um den gesellschaftlichen Auftrag und damit um die Existenzberechtigung geht.
Für mich hingegen ist die umfassende Mängelrüge, die andernorts, zum Beispiel von Robin Meyer-Lucht geteilt und ergänzt wird, erfreulich, weil ich offenbar tatsächlich nicht der einzige Mensch bin, der nichts kapiert. Den “Experten” scheint es nicht besser zu gehen.


