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Unter den zahllosen Zukunfts-Baustellen, mit denen wir uns Tag für Tag konfrontiert sehen, ist eine, die bereits in ihrem konzeptionellen Diskurs, also von vorneherein, in Gefahr ist, sich zu einem Fass ohne Boden zu entwickeln. Ich meine das Notprogramm, das die Medien, vor allem die Printmedien, für sich selbst an Stelle stabiler Zukunftsstrategien entworfen haben. Man kann das als Symptom nehmen, durch das erkennbar wird, wie rasant das Tempo ist, mit dem die “bürgerliche Öffentlichkeit” ihrem Ende entgegeneilt. Die Brisanz der Entwicklung dokumentieren auch die Scharmützel zwischen Bloggern und Journalisten, die nur vor dem Hintergrund der prekären Marktlage des Journalismus verständlich sind.

Zur Konzeption der bürgerlichen Öffentlichkeit gehört eine Reihe von Werten, die nach wie vor jeden die Rolle der Presse betreffenden Diskurs bestimmen, auch wenn sie nicht unmittelbar angesprochen werden. Diese Werte bildet das sogenannte Spiegel-Urteil ab, in dem das Bundesverfassungsgericht 1966 die Bedeutung der Presse für die Willensbildung in der repräsentativen Demokratie gewürdigt hat. Leider fällt kaum auf, dass die Repräsentanten des Journalismus gern dieses von den Verfassungsorganen entworfene Idealbild für sich in Anspruch nehmen, ohne darauf hinzuweisen, dass es wenig bis nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, jetzt nicht und auch früher nicht.

Demgegenüber hat Robin Meyer-Lucht bei Carta eine  prägnante Darstellung der den Journalismus tatsächlich bestimmenden, wirtschaftlichen Einflussfaktoren geliefert, aus der hier eine Passage zitiert werden sollen, die ein Schlaglicht auf die augenblickliche Wirklichkeit wirft:

“Der Online-Werbemarkt umfasst in Deutschland rund 2,5 Milliarden Euro. Der Werbeumsatz journalistischer Online-Angebote beträgt aber nur etwa 150 bis 200 Millionen Euro. Dies bedeutet, dass weniger als 10 Prozent des Umsatzes mit kommerziellen Botschaften im Internet über Journalismus als Vehikel abgewickelt werden. Dem Journalismus sind wichtige Konkurrenten im Anzeigenmarkt entstanden, die ebenfalls – und manchmal effizienter – Kontakte zwischen Konsumenten und Unternehmensbotschaften herstellen: Suchmaschinen, Preissuchmaschinen, Online-Rubrikenmärkte, Freemail-Anbieter, Portale und viele andere.”

Neben den Lesern wandern also auch die Anzeigenkunden ab, und das bereits seit geraumer Zeit. Die Nachfrage im Anzeigen- und im Lesermarkt geht also zurück, die logische Folge dürfe eine Anpassung an den Bedarf sei, wahrscheinlich, so ist es üblich, durch Konzentration.

Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie unser Pressewesen gerettet werden könnte:

Zum Beispiel durch die sogenannte Kulturflatrate, eine Idee für die sich zeitweise die Grünen erwärmen konnten. Die Flatrate verpflichtet alle Nutzer von Breitbandzugängen, eine Abgabe auf diesen Netzzugang zu zahlen. Noch etwas diffus ist, wie und an wen die Abgabe verteilt werden soll.

Oder die Forderung nach einer Vergütung der Leistungsschutzrechte, die in den vergangenen Monaten immer wieder von den Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern erhoben wurde. Bei dieser Forderung geht es um eine Abgabe, die jeder gewerbliche Nutzer eines internetfähigen Computers für die Angebote der Zeitungsverleger zahlen soll. Unklar ist auch, wodurch sich Flatrate und Leistungsschutzrechtvergütung unterscheiden.

Ein dritter Vorschlag stammt von Robin Meyer-Lucht. Er hört sich im Kern so an: “Die Politik sollte dabei nicht einzelne Anbieter von journalistischen Inhalten fördern, sondern die Herausbildung neuer Strukturen.” Und: “Dafür wird hier ein Innovationsfonds “Digitale Öffentlichkeit” vorgeschlagen. Sein Ziel soll es sein, die Forschung und Entwicklung neuer Infrastrukturen für die digitale Öffentlichkeit zu fördern.” Schön. Meyer-Luchts Vorschlag dokumentiert, das die Vorstellungen der Herren der Medienkonzerne und die der Journalisten, ob sie nun angestellt sind oder nicht, in einem wesentlichen Punkt übereinstimmen: Beide Parteien trauen es sich nicht zu, den Strukturwandel in unserer Medienwelt aus eigener Kraft zu überleben. Bei Meyer-Lucht ist es “die Politik”, die die Rettung bezahlen soll. Womit wohl die Steuerzahler gemeint sind. Bei den Zeitungsverlegern gehen die Wünsche in Richtung auf eine der Rundfunkgebühr vergleichbaren Abgabe. Ist es böswillig, hier von Subventionen bzw. Protektionismus zu sprechen?

Robin Meyer-Lucht hat einen dritten Vorschlag dokumentiert, der eine neue wirtschaftliche Verwertung für den “Rohstoff” Journalismus entwirft. Immerhin mal kein Protektionismus. Er stammt von Hans Werner Kilz, dem Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, und läuft darauf hinaus, dass in den Verlagshäusern aus dem Rohstoff “Servicepakete” entwickelt werden, die an Geschäftskunden verkauft werden könnten. Aus Journalisten werden also Kommunikationsberater. Na, wenn das kein neuer Markt ist. Es ist dabei fast schon komisch, wie Kilz versucht, an der Trennung zwischen Journalismus und Dienstleistung und damit an der Fiktion festzuhalten, dass die Ökonomisierung unserer Gesellschaft ausgerechnet vor den Türen der Redaktionen von Süddeutscher, FAZ und Handelsblatt halt macht.

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Autor: mongrel | Hier kommentieren Kategorie: Print | Tags: , , ,

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