Jobsuche bei der Süddeutschen

Unter den zahllosen Zukunfts-Baustellen, mit denen wir uns Tag für Tag konfrontiert sehen, ist eine, die bereits in ihrem konzeptionellen Diskurs, also von vorneherein, in Gefahr ist, sich zu einem Fass ohne Boden zu entwickeln. Ich meine das Notprogramm, das die Medien, vor allem die Printmedien, für sich selbst an Stelle stabiler Zukunftsstrategien entworfen haben. Man kann das als Symptom nehmen, durch das erkennbar wird, wie rasant das Tempo ist, mit dem die “bürgerliche Öffentlichkeit” ihrem Ende entgegeneilt. Die Brisanz der Entwicklung dokumentieren auch die Scharmützel zwischen Bloggern und Journalisten, die nur vor dem Hintergrund der prekären Marktlage des Journalismus verständlich sind.

Zur Konzeption der bürgerlichen Öffentlichkeit gehört eine Reihe von Werten, die nach wie vor jeden die Rolle der Presse betreffenden Diskurs bestimmen, auch wenn sie nicht unmittelbar angesprochen werden. Diese Werte bildet das sogenannte Spiegel-Urteil ab, in dem das Bundesverfassungsgericht 1966 die Bedeutung der Presse für die Willensbildung in der repräsentativen Demokratie gewürdigt hat. Leider fällt kaum auf, dass die Repräsentanten des Journalismus gern dieses von den Verfassungsorganen entworfene Idealbild für sich in Anspruch nehmen, ohne darauf hinzuweisen, dass es wenig bis nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, jetzt nicht und auch früher nicht.

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Autor: mongrel Kategorie: Print | Tags: , , ,

Ende einer Legende

Hatten wir die Frage nach der Henne und dem Ei schon mal? Ja, hatten wir. Und zwar hier. Es ging in diesem Blogpost um die Öffnung der Springer-Archivs, durch die nachvollziehbar wird, wie die Zeitungen des Springer-Konzerns seinerzeit über die sogenannte 68er-Revolte berichteten. Von besonderem Belang ist die Öffnung des Archivs im Hinblick auf die Verantwortung für das Attentat an Rudi Dutschke, die viele der Zeitgenossen bei Bild und BZ sahen. Dass die außerparlamentarische Opposition die Springerblätter als geistige Anstifter sah, was zum Versuch einer Blockade des Verlages führte, stützte sich auf die Marktmacht des Verlagshauses und seine antikommunistische Haltung im allgemeinen und konkret auf den Vorwurf, Dutschke sei zum “Volksfeind” erklärt worden. Damit sei der Boden für die Gewalttat Josef Bachmanns bereitet worden. Den ganzen Beitrag lesen »

Autor: mongrel Kategorie: Internet, Print | Tags: , ,

Ein alter Bekannter: Lesernutzen

Wer in früheren Zeiten unschuldig das Wort Pressemarkt in den Mund nahm, dem dürfte diese Gewohnheit in den vergangenen Monaten und Wochen mehrfach sauer aufgestoßen sein. Nicht nur weil das eine oder andere Verlagshaus im Rahmen seiner Bestrebungen, ein Höchstmaß an Marktkonformität herzustellen, Redakteure entlassen hat, sondern weil das amerikanische Unternehmen Demand Media die Diskussionen über die zukünftige Medienlandschaft aufs Neue beflügelt.

Dem Gejammer zum Trotz muss man sagen, dass die nachfrageorientierte Produktion von Content nichts Neues ist. Schließlich geht es hier um nichts anderes als die Forderung nach “Lesernutzen”, die ja auch vor dem Entstehen des Internets gelegentlich von Chefredakteuren erhoben worden sein soll. Bereits als sie zum ersten Mal ertönte, zielte sie nicht unbedingt auf Qualitätsjournalismus, sondern auf die Steigerung der Werbeerlöse.

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Autor: mongrel Kategorie: Print | Tags: ,

Nachtrag zu: Versagen, Tag für Tag

Dass Stefan Niggemeier über einen Tinnitus klagt, dafür kann man Verständnis aufbringen. Er meint damit das schrille, fortwährende Störgeräusch, das Deutschlands Zeitungs- und Zeitschriftenverleger und Privatfernsehenveranstalter im Kampf gegen die Internetpräsenz von ARD und ZDF erzeugen. Auf “Verlogenheit”, mit der es zur Sache geht, und “ununterbrochenes Geheule” reagiert er vorgeblich mit Unverständnis und kritisiert die fehlende Argumentationslogik. Schließlich weist er auf einen Beitrag des epd in ähnlicher Tonlage hin, in dem die Ereignisse als “Mongolian Clusterfuck” bezeichnet werden (womit ein “vorgeplantes, nach einem Drehbuch ablaufendes Ereignis, das keinen Nachrichtenwert hat”, gemeint ist).

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Autor: mongrel Kategorie: Fernsehen, Hörfunk, Internet, Print | Tags: ,

Neue Öffentlichkeit #2

Vielleicht ist es ja sogar falsch, im Hinblick auf Facebook-User, die private Informationen über sich im Netz verteilen, von Öffentlichkeit zu sprechen. Zu diesem Schluss muss man eigentlich gelangen, wenn man den Begriff so nimmt, wie er von Habermas definiert wurde. Auch wenn Facebook immer noch eine “publizistisch bestimmte Öffentlichkeit” ist, die erst durch ein Publikum entsteht, deckt sich die Habermassche Definition nur unvollkommen mit den dort entstehenden Sachverhalten.

Das gilt ganz besonders dann, wenn der von Christian Stöcker beispielhaft herangezogene googelnde Personalchef von Informationen Gebrauch macht, die eigentlich nicht für ihn bestimmt sind. Schließlich beruht Öffentlichkeit bei Habermas auf einem Konsens zwischen dem, der sich äußert, und dem, der diese Äußerung wahrnimmt. Bei Facebook hingegen zählt die Übereinkunft der Beteiligten nicht zu den konstituierenden Bausteinen. In diesem Sinne verstehe ich Christian Stöckers Forderung einer “neuen Öffentlichkeit”. Folgerichtig bedarf sie einer neuen Moral.

Man kann an der These, dass diese Öffentlichkeit neu ist, auch dann festhalten, wenn man sich daran erinnert, dass es immer schon eine nicht intendierte Öffentlichkeit gegeben hat, allerdings exklusiv für Politiker, Prozessbeteiligte oder Größen des Showbusiness. Personen der Zeitgeschichte, so sagt es das Gesetz, müssen Einschränkungen der Privatsphäre in Kauf nehmen. Im Grunde kann jede ihrer Lebensäußerungen, ihr Sterben eingeschlossen, von öffentlichem Interesse sein. Bei Menschen, die es so weit nicht gebracht haben, ist das anders: Eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte droht diesem Personenkreis immer dann akut, wenn irgendeine Art von Grenzüberschreitung, ein Misslingen bei der Einhaltung irgendeiner generischen Norm aufgezeichnet und hochgeladen wird.

In dieser neuen Öffentlichkeit ist nicht nur zu fürchten, dass ein Appell an die Moral wirkungslos bleiben wird. Vielmehr ist es denkbar, dass sich unser Verhalten ändern wird, allerdings nicht im Netz, sondern im wirklichen Leben. Es gibt kaum noch einen öffentlichen Ort, an dem es keine Kameras gibt. Womit nicht die zahlreichen Überwachungskameras gemeint sind. Im Gegenteil: Die Allgegenwärtigkeit privater Kameras könnte dazu führen, dass unsere Unbefangenheit auf der Strecke bleibt, weil wir nichts ohne die Furcht tun können, mit diesem Tun, egal ob es öffentlich oder privat ist, besonders wenn es im obigen Sinne misslungen ist, im Netz zu landen. Wir müssen uns also in Acht nehmen. Der Erfindungsreichtum der Anbieter kennt keine Grenzen. Eine Variante, bei der die Anonymität der Gezeigten noch relativ weitgehend gewahrt wird, sind hochgeladene Videos, die sich mit dem Themen wie “Typisch Frau!” oder “Wenn Frauen einparken” befassen. Eine andere sind Websites, die dazu einladen, intime Bilder früherer Freundinnen einzustellen, mit dem ausdrücklich erklärten Ziel, sich an der Verflossenen zu rächen.

Hier zeigt sich leider, dass die Konfrontation zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nur einer der möglichen Frontverläufe ist. Darüber hinaus entwickelt sich im Netz offenbar eine große Zahl weiterer neuer Öffentlichkeiten, deren Interaktion und Dynamik bislang nur wenig Raum in unseren Überlegungen hat.

Autor: mongrel Kategorie: Internet | Tags: , ,

Neue Öffentlichkeit #1

“Wir sollten aufhören, vermeintlichen Exhibitionismus anzuprangern, solange wir den Menschen ins Wohnzimmer starren. Wir brauchen eine neue Definition von Öffentlichkeit.” So lautet eine der Forderungen Christian Stöckers während des Bitkom Forums Kommunikation und Medienpolitik. In meinen Augen ist dies ein sehr guter Gedanke.

Wie diese neue Öffentlichkeit aussehen könnte, beschreibt Stöcker, indem er auf einen besonderen Aspekt der calvinistischen Moral verweist: Die gardinenlosen Fenster der Häuser niederländischer Calvinisten dienten dem Beweis, dass es in dem dahinterliegenden, für jedermann einsehbaren Privatraum keine goldenen Teller und auch keine größeren Kartoffeln gebe. So stellt sich für Stöcker der Calvinist zwar dem öffentlichen Urteil, bleibt dabei aber Privatmann, weil die selbe Moral dem vorbeigehenden Mitbürger verbiete, einen Blick durch das Fenster zu werfen. Würden wir uns genauso verhalten, hieße dies, wir zeigten uns im Internet so wie es uns beliebt. Wen dies nichts angehe, der schaue halt nicht hin. Andernfalls träfe ihn öffentliche Entrüstung der digitalen Tugendgesellschaft.

Wir können hier die Frage beiseite lassen, ob die von Stöcker beschriebene calvinistische Praxis die historische Wirklichkeit trifft. Aber auch dann, wenn sie nur als Modell herangezogen wird, meine ich, dass sich dieses Modell nicht zum Vergleich mit der Öffentlichkeit sozialer Netzwerke im Internet eignet. Stöcker sagt selbst, dass diejenigen, denen man ihre Offenherzigkeit im Internet vorhält, ihr Privatleben eigentlich nicht exponieren wollen. Erst recht wollen sie es nicht dem öffentlichen Urteil unterwerfen. Sie sprechen, so Stöcker, nicht mit uns, sondern mit Ihresgleichen, halten sich also in einem mutmaßlichen Privatraum auf, dessen Schutz allerdings in Wirklichkeit sehr löchrig ist.

Wenn also das calvinistische Modell nicht passt, stellt sich die Frage, was an der Facebook-Öffentlichkeit so neu und anders ist.

Autor: mongrel Kategorie: Internet | Tags: , ,