Ende einer Legende

Hatten wir die Frage nach der Henne und dem Ei schon mal? Ja, hatten wir. Und zwar hier. Es ging in diesem Blogpost um die Öffnung der Springer-Archivs, durch die nachvollziehbar wird, wie die Zeitungen des Springer-Konzerns seinerzeit über die sogenannte 68er-Revolte berichteten. Von besonderem Belang ist die Öffnung des Archivs im Hinblick auf die Verantwortung für das Attentat an Rudi Dutschke, die viele der Zeitgenossen bei Bild und BZ sahen. Dass die außerparlamentarische Opposition die Springerblätter als geistige Anstifter sah, was zum Versuch einer Blockade des Verlages führte, stützte sich auf die Marktmacht des Verlagshauses und seine antikommunistische Haltung im allgemeinen und konkret auf den Vorwurf, Dutschke sei zum “Volksfeind” erklärt worden. Damit sei der Boden für die Gewalttat Josef Bachmanns bereitet worden. Den ganzen Beitrag lesen »

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The Guy has Balls #2

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, bei den Geschlechtsteilen … Denn während der Bild-Chefredakteur munter vor sich hin bloggt, just in dieser Situation fügt es sich, dass an der Fassade des taz-Verlags wie eine Epiphanie ein sechzehn Meter hohes Wandrelief des Bildhauers Peter Lenk erscheint und das Interesse auf eine alte Fehde zwischen taz und Diekmann lenkt. Dem Betrachter zeigt sich eine nackte männliche Figur, gut als Diekmann erkennbar, ausgestattet mit einem gigantischen Penis. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Diekmann bringt eine vierseitige Fake-taz, auf deren Titelseite die Headline “Wir sind Schwanz!” prangt. Müssen wir daran erinnern, wo diese Geschichte ihren Anfang nahm? Vor sieben Jahren, als Gerhard Henschel in der taz behaupten durfte, Diekmann habe seinen Penis verlängern lassen? Und dafür nicht einmal vor Gericht belangt werden konnte? Damals sah Diekmann überhaupt nicht gut aus. Nun bescheinigt ihm die gedruckte Öffentlichkeit, wiederum nicht ohne Häme für die bedrängten Kollegen, er treibe die taz-Redaktion vor sich her. Die FAZ weiß: “Diekmann ist rauflustig, hat Nehmerqualitäten und ein Elefantengedächtnis, er pflegt seine Feindschaften und wittert jede Gelegenheit für den finalen Schlag.” Von den Kollegen gelobt werden außerdem die Authentizität des Blogs, die spielerische Leichtigkeit, mit der Kai Diekmann seine Gegner auseinandernimmt, die Unnachahmlichkeit seines intelligenten, ironisch gebrochenen Bloulevardjournalismus.

Diese Überschwänglichkeit bereitet den Boden für den Versuch, den Neu-Blogger gleich mal mit einem Preis zu ehren. Sie kennt kaum noch Grenzen, als dieser den Preis ablehnt und damit seinen zweiten Coup landet: Das Medium Magazin will Diekmann zum Journalisten des Jahres in der Sparte Unterhaltung küren. Gleichzeitig soll ein Sonderpreis an die Süddeutsche vergeben werden, und zwar für deren Berichterstattung über das Tankwagen-Bombardement bei Kundus. Diekmann lehnt ab und begründet in einer “Büttenrede”, der Sonderpreis stehe Bild zu, denn Bild habe die Entlassung des Generalinspekteurs der Bundeswehr sowie dem Rücktritt des Verteidigungsminsters verursacht. Loyalität, die ankommt, ein Scoop muss ein Scoop bleiben. So stößt Diekmann bei seinen Kollegen nicht nur auf Verständnis, sondern auf echten Enthusiasmus. Überhaupt entdeckt man nun allenthalben den Menschen hinter dem Popanz und stellt fest: Gar nicht mal so unsympathisch der Diekmann, sogar witzig und intelligent. Wirklich geschafft hat er es aber erst, als er zum Jahrestreffen der Anonymen Blogger eingeladen wird. Kai Diekmann ist endlich dort angekommen, wo er immer schon hinwollte.

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The Guy has Balls #1

Kai DiekmannEin bisschen gespenstisch ist es schon: Kai Diekmanns Blog ist nach einhundert Tagen nicht unerwartet, aber ebenso plötzlich von der Bildfläche verschwunden wie es begonnen hat.

Start war am 26. Oktober vergangenen Jahres und weil Diekmanns Blog sogleich von den Branchenkollegen und Bloggern beäugt und betextet wurde, durfte es sich von Anbeginn größter Aufmerksamkeit erfreuen.

Erstaunlich – selbst seine Kritiker attestieren Diekmann bis dahin: ”Er ist nicht durch die Talkshows getingelt, ging nur einmal in eine Gesprächssendung des SWR, deren Moderatorin Birgitta Weber sich gleich mehrere Schichten Samthandschuhe übereinander angezogen hatte. Er mied Auftritte, bei denen mit allzu kritischen Fragen zu rechnen war. Nach einer Podiumsdiskussion beim ökumenischen Kirchentag 2003, bei der das Publikum nicht auf seiner Seite war, soll er diese Entscheidung gefällt und gesagt haben: Wenn ich da keine Chance habe, mache ich das nicht mehr.”  (Quelle hier)

Gleich zum Start des Unternehmens kolportiert Hans-Jürgen Jakobs in der Süddeutschen, das Ganze mutig als Satire verpackt, es gäbe Kollegen im Hause Springer, die Diekmann als “grenz-originell” und “heißgelaufen” bezeichnen würden. Viele verblüfft die Energie, die von ihm in dieses Projekt investiert wird.

Tatsächlich scheint es aber so zu sein, dass der Bild-Chefredakteur, dem bis dahin die Policy des Hauses und vielleicht auch sein eigenes Selbstverständnis verbat, auf Angriffe, Nachfragen etc. anders als über die Rechtsabteilung zu reagieren, nunmehr einen Weg gefunden hatte, den Dialog mit Kollegen, gleich welcher Gesinnung, aufzunehmen: “Insidergags und Stichelei” sind nun möglich. Befreiend für den Mann, er kann endlich direkt zurückschlagen. Statt Besucherzähler installiert er einen Rechtskostenzähler auf seiner Website. Und Jeff Jarvis sagt zu Diekmanns Projekt: “The guy has balls.”

Überhaupt, die Geschlechtsteile. Die spielen in dieser Geschichte sowieso eine wichtige Rolle …

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Henne oder Ei

Springer VerlagsgebäudeDer Verlag Axel Springer öffnete am 16. Januar ein Internetarchiv mit 5900 Artikeln aus der Zeit von 1966 bis 1968. Nachvollziehbar ist nun für jedermann, der sich in die Springer-Datenbank einloggt, wie “Bild”, “Welt” und andere Zeitungen des Hauses seinerzeit über die 68er-Bewegung berichtet haben. Bereits im vergangenen Jahr war dieser Öffnung des Archivs eine Diskussion zwischen Springer-Verlag und den Protagonisten der Revolte vorausgangen. Keiner der früheren Revolutionäre mochte sich an einem 2. Springertribunal beteiligen, das Springer-Vorstand Matthias Döpfner gern veranstaltet hätte.

Der Blick ins Archiv zeigt nun: Nur in zwei Ausgaben von Springer-Titeln wird Dutschke als “Volksfeind” bezeichnet, in beiden Fällen handelt es sich jedoch nicht um originären Springer-Text, sondern Zitate, die ordnungsgemäß als solche kenntlich gemacht wurden. Also alles halb so wild. Selbst kritische Beobachter der Bild-Zeitung wie Stefan Niggemeier bezeugen: “Es spricht alles dafür: “Bild” und die anderen Springer-Zeitungen haben Rudi Dutschke nie selbst als Staats- oder Volksfeind Nummer 1 bezeichnet.” Es kann aber, so Niggemeier weiter, kein Zweifel bestehen, das Dutschke dennoch, also auch wenn er nie so bezeichnet wurde, wie der Staatsfeind Nr. 1 behandelt wurde.

Nachvollziehbar ist, dass weder Peter Schneider noch Daniel Cohn-Bendit an der von Springer-Vorstand Matthias Döpfner formulierten Absicht, die “These, das Haus Axel Springer sei eine zentral gelenkte Meinungsmaschine gewesen …” zu widerlegen, mitwirken wollten. Trotzdem haftet an der Absage etwas Zwiespältiges. Auf mich wirkt sie wie ein weiterer Beitrag zur Dämonisierung der Springer-Medien.

Am Rande fällt eine merkwürdige Wandlung auf: In B.Z. und Welt wird der Begriff “Volksfeind” gebraucht. In späteren Quellen, die Stefan Niggemeier anführt, ist aus dem “Volksfeind Nr. 1″ ein “Staatsfeind Nr.1″ geworden. Ich bin mir nicht sicher und finde im Moment auch keine Belege, aber mir kommt es so vor, als ob “Volksfeind” ein Begriff aus dem Arsenal der Nazis ist? Wenn dies zutrifft, fehlte 1968 auf der einen Seite offenbar das Wissen um seine Herkunft, und zugleich führte auf der anderen Seite die Bezugnahme der Revolte auf den Staat als Gegenüber zu seiner Ersetzung.

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