Ein bisschen gespenstisch ist es schon: Kai Diekmanns Blog ist nach einhundert Tagen nicht unerwartet, aber ebenso plötzlich von der Bildfläche verschwunden wie es begonnen hat.
Start war am 26. Oktober vergangenen Jahres und weil Diekmanns Blog sogleich von den Branchenkollegen und Bloggern beäugt und betextet wurde, durfte es sich von Anbeginn größter Aufmerksamkeit erfreuen.
Erstaunlich – selbst seine Kritiker attestieren Diekmann bis dahin: ”Er ist nicht durch die Talkshows getingelt, ging nur einmal in eine Gesprächssendung des SWR, deren Moderatorin Birgitta Weber sich gleich mehrere Schichten Samthandschuhe übereinander angezogen hatte. Er mied Auftritte, bei denen mit allzu kritischen Fragen zu rechnen war. Nach einer Podiumsdiskussion beim ökumenischen Kirchentag 2003, bei der das Publikum nicht auf seiner Seite war, soll er diese Entscheidung gefällt und gesagt haben: Wenn ich da keine Chance habe, mache ich das nicht mehr.”  (Quelle hier)
Gleich zum Start des Unternehmens kolportiert Hans-Jürgen Jakobs in der Süddeutschen, das Ganze mutig als Satire verpackt, es gäbe Kollegen im Hause Springer, die Diekmann als “grenz-originell” und “heißgelaufen” bezeichnen würden. Viele verblüfft die Energie, die von ihm in dieses Projekt investiert wird.
Tatsächlich scheint es aber so zu sein, dass der Bild-Chefredakteur, dem bis dahin die Policy des Hauses und vielleicht auch sein eigenes Selbstverständnis verbat, auf Angriffe, Nachfragen etc. anders als über die Rechtsabteilung zu reagieren, nunmehr einen Weg gefunden hatte, den Dialog mit Kollegen, gleich welcher Gesinnung, aufzunehmen: “Insidergags und Stichelei” sind nun möglich. Befreiend für den Mann, er kann endlich direkt zurückschlagen. Statt Besucherzähler installiert er einen Rechtskostenzähler auf seiner Website. Und Jeff Jarvis sagt zu Diekmanns Projekt: “The guy has balls.”
Überhaupt, die Geschlechtsteile. Die spielen in dieser Geschichte sowieso eine wichtige Rolle …